Wie man schlechte Geschichten schreibt

Das Internet ist voll von schlechten Geschichten. In fast jeder Online-Community scheint es Subforen zu geben, die zu nichts anderem da sind, als dass die Mitglieder der Community sich dort im Veröffentlichen von grauenhaften kurzen Geschichten überbieten können, die im Leben nicht als Kurzgeschichten zu bezeichnen sind. Das geht sogar soweit, dass es einige Websites gibt, die sich einzig und allein dem Sammeln von diversen Geschichten zweifelhafter Machart verschrieben haben und damit werben, bereits über geschätzte 10 Quadrillionen von Benutzern eingesandte Storys zu verfügen, von denen eine schlechter als die andere ist.

Wie soll man bei so großer Konkurrenz als schlechter Geschichtenschreiber eigentlich noch auf sich aufmerksam machen? Da ist guter Rat teuer und da die Goldesel gerade alle ausgebucht sind und Sie trotzdem so darauf brennen, zu erfahren, wie man aus seinen Geschichten noch den letzten Rest an Schlechtigkeit herausprügeln kann, spendiere ich Ihnen großzügigerweise im Folgenden ein paar Profi-Tipps für schlechte Geschichten – Schauder und Gänsehaut garantiert!

Entwerfen Sie nur stereotype Charaktere…

Der einfachste und sicherste Weg, eine richtig schlechte Geschichte zu schreiben ist es, gleich von Anfang an alle Charaktere so leb-, lieb- und einfallslos wie möglich zu gestalten, denn wenn das Fundament schon marode ist, dann wird das Haus wohl hoffentlich auch nicht mehr lange stehen. Falls Ihnen da nicht auf Anhieb etwas einfallt, keine Sorge, lassen Sie nicht gleich den Kopf hängen oder stecken Sie diesen womöglich auch noch in irgendeine Art von Wüstenerde – bedienen Sie sich einfach hemmungslos bei den Figuren Ihrer 3 abartig minderwertigen Lieblingsromane aus der Grabbelecke Ihres Discounters und lassen Sie alles weg, was noch irgendwie authentisch und interessant wirkt. Bedenken Sie: Je schlechter die Bücher von denen Sie abkupfern, desto besser ist das für Ihr Unterfangen, denn dann haben Sie freilich weniger Arbeit und das ist immer gut, denn der Mensch ist ja gewissermaßen ein Faultier.

Wichtig ist natürlich auch die Biografie der Protagonisten. Wenn diese nicht mindestens Halbwaisen sind, dann machen Sie eindeutig etwas falsch – wo bleibt denn da die Tragik, wenn Ihrem Helden nicht schon mit 8 Jahren die Eltern weggestorben sind? Also schnell, korrigieren Sie das!

Sie sollten bei allem Eifer nicht vergessen, die Lebensgeschichte Ihres noch halbpubertierenden Abenteurers so voll mit wunderlichen Heldentaten zu stopfen, dass niemals jemand auch nur im Geringsten daran zweifeln könnte, dass ein Jahr in Ihrer lustigen bunten Fantasywelt aus mindestens 3065 Tagen besteht.

Besonderes Augenmerk ist auf den Antagonisten zu richten. Dieser sollte mindestens so verkommen sein wie… ein total verkommener Fiesling. Oh ja! Ein geborener Fiesgrinser, Fieslacher und Fiesgucker, mit einem Gesicht wie 7 Tage schlechtes Wetter in der Regenzeit des tiefsten Dschungels. Ein Kerl, der einfach eine sadistische Freude daran hat, allem was kreucht und fleucht schreckliche Leiden zuzufügen und Ihren fröhliche bunten Puppenhausplanet in einen lodernden, stinkenden Vorhof der Hölle zu verwandeln, weil er sowieso nichts besseres zu tun hat und sich der Teufel gerade in seiner Hängematte auf den Bahamas bräsig die Eier schaukelt. Ich warne Sie: denken Sie nicht einmal im Traum daran, eine nachvollziehbare Motivation hinter dem Handeln des Antagonisten zu konstruieren, das interessiert sowieso keinen echten Schlechte-Geschichte-Liebhaber,  und außerdem ist der Mensch ein Faultier, wie Sie ja bereits wissen.

… mit platten Namen

Eine platte Romanfigur darf natürlich auch nicht ohne den passenden Namen durch die Fantasy-Weltgeschichte laufen. Seien Sie hier mal so richtig unkreativ und geben Sie Ihren Charakteren die lächerlichsten Namen, die sie finden können. Lassen Sie es so richtig krachen! Nennen Sie den Antagonisten Nevil Nightmare, den Protagonisten Peppin Propper, die Schauspielerin Glory Glamour, den adeligen Schnösel Sir Malvin McLoyd und den Esel Heinblöd.

Nicht recherchieren! Recherchieren ist was für Schwächlinge

Für schlechte Geschichten recherchiert man nicht. Wenn Sie selbst schon nicht wissen, an welchem Ende man ein Schwert anfässt oder wie man ein Pferd sattelt, woher sollen das dann ihre gehirnamputierten Zombieleser wissen? Sehen Sie? Recherchieren bringt nichts, also lassen Sie das sein, denn schließlich sind Sie ein Faultier und recherchieren ist so verdammt anstrengend, ermüdend und überhaupt irgendwie total uncool. Bitte fangen Sie auch gar nicht erst damit an, Ihre Geschichte vor dem Veröffentlichen von irgendwem Probe lesen zu lassen und sich Verbesserungsvorschläge einzuholen. Seien Sie unverbesserlich! Wenn es trotzdem Leute wagen, Sie wegen der guten Qualität Ihrer Geschichte zu kritisieren, fangen Sie bitte sofort an, ausfallend und persönlich zu werden, damit solche wirren Schwachköpfe das nächste Mal lieber gleich Ihre dumme Klappe halten.

Noch ein gut gemeinter Tipp: Schmeißen Sie lieber schnell Ihren Duden in den Müll oder verbrennen Sie diesen – Sie wollen doch nicht, dass Sie sich am Ende noch zum Gespött aller Schlechte-Geschichten-Schreiber und -Leser machen. Wenn diese – Gott bewahre – solche Utensilien bei Ihnen fänden, das wäre der gesellschaftliche Tod!

Handlung, gesalzen und gepfeffert

Eine schlechte Geschichte ist nichts wert, wenn Sie Ihr keine passende Handlung spendieren. Hier bieten sich prinzipiell mehrere gute Möglichkeiten an:

Klappe und Ekschn!

Vergessen Sie sinnvolle Dialoge und realitische Handlungsweisen: Ihre Geschichte sollte ein wahres Feuerwerk schlecht geschriebener Kampfszenen sein, in denen Ihr Protagonist mal so richtig zeigen kann, was für ein strahlender Superheld er ist. Alle seine Feinde sind ohnehin bemitleidenswerte Trottel, die nichts draufhaben, jede Frau verliebt sich sofort unsterblich in ihn und keine Situation ist zu ausweglos, dass er nicht noch Zeit für einen platten Spruch hätte. Das Ende ist sowieso von vorne herein klar: Peppin Proper tötet alle Schergen, Glory Glamour verliebt sich in ihn und zu guter letzt ermordet er den fiesen Fiesling Nevil Nightmare, klopft sich den Staub ab, bringt noch einen platten, sexistischen Spruch und grinst blöde.

Oder doch lieber die Biografie-Schiene?

Am Anfang des Romans: Glory III steht am Fenster, schaut auf den herrlichen Schlossgarten hinab und denkt über ihr Leben nach. Höhepunkt des Romanes: Glory III steht am Fenster, schaut auf den herrlichen Schlossgarten hinab, an dem sich gerade der Gärtner zu schaffen macht und denkt über ihr Leben nach, während eine Bedienstete Tee serviert. Ende des Romans: Glory III steht am Fenster, schaut auf den herrlichen Schlossgarten hinab, wo die Schatten immer länger werden und die Sonne schließlich untergeht – und denkt über ihr Leben nach.

Begehen Sie natürlich auch nicht den Fehler, Glory III über mehr als profane Adeligenwehwehchen monologieren zu lassen und fügen Sie so viele uninteressante Charaktere hinzu, dass der Leser beim Einführen des neunundneunzigsten Cousins dritten Grades den Namen des neunundachtzigsten Cousins dritten Grades schon längst wieder vergessen hat.

Für Faultiere: Erzählen Sie aus Ihrem Alltag!

Ganz heißer Tipp unter uns Faultieren: Erzählen Sie einfach aus Ihrem Alltag, tauschen Sie ein paar der offensichtlichsten Namen aus und fügen Sie zwischendrin noch ein paar durch Markovketten gebildete Absätze als Füllmaterial ein. Nichts ist zu uninteressant, als dass Sie es nicht noch in Ihrem Geschreibsel verwursten könnten: Erzählen Sie vom Nachbar, der Sie nicht gegrüßt hat, meckern Sie über die Schlechtigkeit der Gesellschaft, schreiben Sie, wie Sie sich gestern einen Pickel ausgedrückt haben, wie Sie aus purer Verzweiflung heute das Müsli mit Orangensaft statt mit Milch gegessen haben und fügen Sie am Ende noch ein schaurig-schlechtes Gedicht über eine verwelkende Topfpflanze hinzu.

Seien Sie unbesorgt: Ihre Leser lesen sowieso jeden Mist den Sie verzapfen, also warum sich Mühe machen? Die besten Geschichten erzählt doch sowieso der Alltag, heißt es nicht so? Und schließlich sind Sie ein Faultier und zu viel denken verursacht unangenehmes Gehirnjucken.

Weitere Tipps für schlechtes Schreiben

Verwirren Sie! Fangen Sie Sätze an und beenden Sie diese nicht. Bauen Sie Sätze wie Güterzüge: Lang, laut und scheppernd.

Stellen Sie nervige und unpassende Vergleiche an, um den Lesefluss zu stören: Fügen Sie jedem zweiten Satz ein „wie ein/eine…“ an, gefolgt von einem Vergleich, bei dem sogar dem dümmsten oder vollgedröhntesten Ihrer Leser sofort klar wird, dass Sie sich nur irgendetwas aus den Fingern gesaugt haben.

Versuchen Sie sich an einem elaborierten Sprachstil und versagen Sie gnadenlos! Nichts ist schwieriger zu lesen als eine Aneinanderreihung übertriebener Nominalisierungen in tief verschachtelten Sätzen mit falsch gesetzten Kommata.

Zum Schluss noch der Klassiker:

Beginnen Sie Ihre Geschichte immer mit dem Wetter! Schreiben Sie gleich zu Anfang Ihrer Geschichte über das Wetter, obwohl weder das Wetter noch das Klima noch die Landschaft in Ihrer Geschichte irgendeine Rolle spielen. Das ist garantiert total ausgelutscht und kaum etwas ist uninteressanter – ein wahrhaftiges Klischee und gerade deswegen ein perfekter Start für eine schlechte Geschichte.

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